Erlebnisse eines Tierfilmers

Am Anfang meiner Arbeit als Tierfilmer für „Löwenzahn“ hatte ich ein besonders schlimmes Erlebnis und ein besonders schönes.

Die Ratten

Ich hatte den Auftrag die Aufnahmen für einen kurzen Film über Wanderratten zu machen, in dem ein dokumentarisches Lebensbild dieser Tierart gezeigt werden sollte.

Ich baute im Studio eine abgebaute Scheune aus alten Hölzern wieder auf und verwendete als Dekoration in der Scheune alte landwirtschaftliche Utensilien, wie das „Simmeren-Maß“ und andere historische Werkzeuge aus dem Odenwald. Mein Ehrgeiz war groß, dass die Redaktion der Sendung neben der wissenschaftlichen Dokumentation aus dem Leben der Wanderratten einen lehrreichen und guten Film aus meinem Filmmaterial schneiden konnte. Die Ratten lebten relativ frei in der Scheune, nur alte Balkontüren aus dem Sperrmüll trennten sie vom Rest des Studios. Die Mitglieder der Rattensippe lernte ich sehr gut kennen, mit manchen davon war ich richtiggehend befreundet. So wusste ich genau, welche Ratte zum Springen aus Mülltonnen, oder welche zum Balancieren über Schiffstaue und Kabel etc. geeignet war. So war die Arbeit mit ihnen ein Kinderspiel. Die Aufnahmen klappten auf Anhieb. Auch mit dem „Boss“ der Ratten kam ich zurecht. Er griff alles und jeden an, der sich der Sippe näherte (wie z.B. den Kollegen, von dem später noch die Rede sein wird und dessen einziger Kontakt mit den Ratten der Biss vom „Boss“ war). Bei mir biss der „Boss“ nur halbherzig in meine dicken Lederschuhe, ich hatte echt den Eindruck, dass er mich nicht verletzen wollte. Ich machte es ihm dadurch leichter, indem ich einen Handfeger mitnahm, mit dem er stellvertetend solange kämpfte, bis ich wieder weg war. Es war eine wahrhaft einvernehmliche Filmarbeit mit den Ratten: Ich versorgte sie gut, sie waren frei und es machte ihnen offensichtlich Spass, was ich mit ihnen spielerisch für den Film so unternahm.

Dann erfuhr ich zufällig, dass meine Aufnahmen für eine Jubiläum-Sendung von „Löwenzahn“ (die 100.Sendung) verwendet wurden. Für mich war es die erste Folge mit meinen Aufnahmen. Unmittelbar vor der Jubiläumssendung wurde in einer „Guckloch-Sendung“ gezeigt, wie die Aufnahmen von den Ratten entstanden seien. Ich schaute also gespannt „meine“ erste Sendung an, nachdem ich stolz davon meinen Freunden berichtete, die auch alle gespannt vor ihren Fernsehern saßen.

Und was musste ich da sehen und hören? Der festangestellte Tierfilmer der Filmgesellschaft führte vor laufender Kamera vor, wie angeblich er selbst meine Aufnahmen hergestellt hätte. Er habe die Ratten monatelang für die einzelnen Aufnahmen konditioniert. Seine Assistentin unterstützte ihn beim Lügen. Es war eine einzige höhnische Verballhornung meiner fachlich sauberen und durchdachten Arbeit mit den Ratten. Es war wie eine Folter, wehrlos vor dem TV-Gerät zu sitzen und diesen Betrug an meiner Arbeit zusehen zu müssen. Meine Enttäuschung war grenzenlos über diesen menschlichen Abgrund. Leider blieb diese schlimme Erfahrung mit der privaten Filmgesellschaft damals nicht die einzige. Ich höre den damaligen Chef noch heute lachen und sagen: „Wir kriegen vom ZDF keinen Auftrag mehr und alle Mitarbeiter stehen dann auf der Straße, wenn sie eine Richtigstellung verlangen!“ Es dauerte fast ein halbes Jahr bis ich wieder eine Kamera in die Hand nehmen konnte. Dass ich weitermachen konnte war meine Gewissheit, der richtige Mensch mit Liebe zur Natur für die Tieraufnahmen dieser guten Kindersendung zu sein. Trotzdem lag dieses Erlebnis stets wie die Narbe einer schweren Verletzung über meiner Arbeit.

Die Firma wurde später verkauft, sie ist heute so geführt, wie man es sich wünscht.

Die Regenwürmer

Ein Ei, aus dem ein kleiner Regenwurm schlüpft, sollte gefilmt werden. Wie lange dauert es aber, bis ein Regenwurm aus einem Ei schlüpft das gerade gelegt ist?  Die notwendigen Kenntnisse sucht man sich dazu aus der Literatur. Allerdings sind eigene Beobachtungen und Überlegungen immer ratsam. So war es auch hier.

Eine Kiste mit Gartenerde wurde mit feuchtem Papier abgedeckt. Die Regenwürmer legen ihre Eier nach der Paarung dann zwischen Papier und Erde. Die Eier, von denen ich dadurch das genaue Legedatum wusste, positionierte ich auf einer Modellierscheibe mit Erde im Kreis. Durch drehen an der Scheibe kam jedes Ei auf die gleiche Distanz zur Kamera. Kaltes Licht (Glasfaser-Lichtleiter), die Kamera davor – alles war gerichtet. Nach drei Monaten Warten wollte ich fast aufgeben. Die Anspannung, auch nachts nichts versäumen zu wollen, war kaum auszuhalten. Ein Freund (wie so oft wenn man down ist sind Freunde ganz wichtig) machte mir Mut: „Hartmut, die Regenwürmer sind so elementar für uns, bitte halte durch. Noch niemand hat gesehen, wie ein kleiner Wurm geboren wird!“

Nach wenigen Tagen schon hörte ich in mir eine Stimme sagen: „Sei ganz ruhig und gelassen. Es wird dir genau gesagt, wann und welcher Wurm schlüpfen wird.“ Das war so eine sichere Ansage, dass ich ganz ruhig wurde und nachts wieder durchschlafen konnte. Nach drei Wochen wachte ich nachts um 2 Uhr auf und hörte wieder diese Stimme. „Stehe ganz ruhig auf, schalte Licht und Kamera ein. Aus dem Ei, das im Sucher der Kamera ist, wird nun der erste Wurm ausschlüpfen.“ Ich ging ins Arbeitszimmer, schaltete Licht und Kamera ein und sah im Sucher, wie dieses Wurmei ruckte. Es kam bald ein kleiner Regenwurm heraus, der sich zuerst gegen den Himmel reckte und dann in der Erde verschwand. Zwei Tage später mittags wieder die Stimme: „Gehe ins Arbeitszimmer. Jetzt nimm die zwei Eier in den Sucher, die rechts nahe beieinander liegen.“ Beide Eier ruckten und nacheinander kamen die beiden kleinen Regenwürmer heraus. Einen Tag später sagte die Stimme, ich solle nun drei bestimmte Eier zusammen anpeilen. Und wieder schlüpften alle drei nacheinander aus. Ich hatte sechs Schlüpfvorgänge ohne einen verpasst und ohne auch nur einen Meter Film vergeudet zu haben! Damals filmte man mit Zelluloid-Film, der sehr teuer war. Sogar besagter Chef ließ mich kommen und fragte, wie ich das gemacht hätte und dass man diese Aufnahmen besonders gut verwahren müsse. Das mit der Stimme oute ich aber nur für Dich, lieber Leser. Es ist die Wahrheit.

Erklärung: Wenn man sich auf die Natur einlässt, beginnt man irgendwann „mitzuschwingen“. Was den Physiker in meiner Familie zur hämischen Bemerkung treibt, dass der Hartmut, ein studierter und teuer ausgebildeter Mensch, sich wochenlang dummen Regenwürmern hingäbe sei frevelhafte Verschwendung, bringt mich zur Erkenntnis, dass wir Menschen Teil der Natur sind. Durch Liebe und Interesse an den Regenwürmern beginne ich sie zu verstehen. Das Zwiegespräch führt zu immer genauerer Gewissheit, bis ich sekundengenau vorhersagen kann, wann der kleine Wurm aus dem Ei schlüpfen wird. Natürlich war es meine eigene Stimme, die ich hörte. Dieser einfache Vorgang, das ausharrende Beobachten, „verdiente“ sich die unglaublich genaue Dokumentation, das happy end.

Der Physiker versenkt viele Millionen Euro als Abteilungsleiter eines großen europäischen Konzerns im Nirwana, was ihm Gewissheit gibt wichtig zu sein. Sein Projekt einer Kamera, die Veränderungen im Bild registriert, hatte die Natur aber bereits vor Millionen Jahre in Form vom Komplexauge bei den Libellen perfektioniert. Für mich sind Liebe, Demut und Sehnsucht die Natur zu verstehen aktuell sinnvoller als ein extrem aufwändiges Leben.